Hitchhiking: Unser Duell mit der spanischen Polizei und die Lektion der Babysteps

Hitchhiking: Unser Duell mit der spanischen Polizei und die Lektion der Babysteps

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Ich verstehe im wahrsten Sinne des Wortes nur Spanisch.

Zwei Polizisten in dunkelgrünen Overalls mit schusssicheren Westen und knielangen Schlagstöcken reden bedrohlich auf uns ein. Einer wendet sich direkt an mich und fuchtelt wild mit dem Daumen vor mir rum. „Autostop? Autostop?“ wiederholt er mehrmals mit ernster Miene. Ich hebe nur unschuldig die Schultern und tue so, als hätte ich keine Ahnung, wovon er spricht.

Natürlich weiß ich, dass das Trampen in Spanien verboten ist. Und Thomas und ich befinden uns gerade in Madrid. Wir sind zufällig auf einer Tramptour von Lissabon nach Köln. Aber das müssen die aggressiven Polizisten ja nicht unbedingt wissen.

Zum Glück spricht Thomas fließend Spanisch und übernimmt die Verhandlungen. Er erklärt ihnen mit geöffneten Armen und freundlichem Lächeln, dass wir kein „Autostop“ machen, sondern Leute kennenlernen und dann mit Freunden fahren. Ich kann in etwa verstehen, was er sagt und stelle mich schonmal auf eine Nacht in der Zelle ein. Im Grunde gibt er nicht nur zu, dass wir Trampen, sondern erzählt den Polizisten auch noch, wie wir es machen.

Kurze Zeit später entscheiden die beiden Herren aber zu unserer Erleichterung, dass wir niemanden ausrauben wollen und anscheinend auch nicht unmittelbar gegen ein spanisches Gesetz verstoßen. Wir stellen uns immerhin nicht direkt an die Straße und halten den Daumen raus.

Puh….

Die direkte Bedrohung haben wir abgewendet. Aber da war noch eine andere Herausforderung. Es ist mittlerweile vier Uhr morgens und wir stehen seit über zehn Stunden an derselben Raststätte und finden keine Mitfahrgelegenheit.

Am Vortag hatten wir einen guten Start. In Lissabon ging es los, als wir drei spanische Mädels angesprochen haben, die über Madrid nach Valencia fuhren. Erst waren sie etwas skeptisch. Aber nach etwas Überzeugungsarbeit und mit geübtem Rehblick konnten wir unsere erste Fahrt bis nach Madrid ergattern.

Auf dem verlassenen Rasthof in Madrid schien uns dieser erfolgreiche erste Tag aber mittlerweile in weiter Ferne. Wir hatten über die Nacht verteilt bestimmt einige hundert Autofahrer angesprochen. Aber keiner fuhr nach San Sebastian oder auch nur in die Nähe der französischen Grenze. Immerhin wurde mein spanisches Tramp-Vokabular immer besser. Ich konnte zwar immer noch kein Wort verstehen, wenn mir jemand eine Antwort gab, aber „Klar steig ein, ich bring‘ Euch nach Paris!“ hätte ich mittlerweile sogar auf Farsi verstanden.

Langsam ging die Sonne auf. Wir hatten abwechselnd versucht, uns ein paar Minuten in unsere Rucksäcke zu kuscheln und etwas Schlaf zu bekommen, aber im Grunde waren wir seit 24 Stunden wach. Immerhin hatten wir uns mit Eis und Schokolade bei Laune gehalten. Am frühen Morgen hatte ich bestimmt mein viertes „Magnum Mandel“ verputzt…

Neue Strategie, neues Glück?

Wir brauchten eine neue Strategie! Und ganz egal, was unser nächster Schritt sein würde, wir hatten keine Lust mehr auf diesen verfluchten Rasthof. Also machten wir uns auf den Weg in die nächste McDonald’s-Filiale, schmissen unsere Laptops an uns suchten nach einem Plan B.

„Lass uns nach Barcelona fahren. Die Strecke ist zwar etwas weiter, aber Hauptsache wir kommen mal wieder ein paar Kilometer voran! Es gibt einen Zug, der uns direkt zum Rastplatz bringt.“

Zwanzig Minuten später saßen wir im Zug, der uns in einen Madrider Vorort brachte. Thomas legte sich ein paar Minuten hin und ich übernahm die Verantwortung, auf unseren Ausstieg zu achten. Keine gute Idee, denn ich nickte selber alle fünf Minuten ein und schreckte dann wieder auf, um erschrocken festzustellen, dass wir noch nicht zu weit gefahren waren.

Zum Glück schreckte ich irgendwann genau im richtigen Augenblick auf und so standen wir etwas später bei glühender Mittagshitze wieder an einem Rastplatz, diesmal in Richtung Barcelona.

Auch hier hatten wir in den ersten zwei Stunden kein großes Glück. Zwei „Magnum Mandel“ später kam Thomas auf einmal aufgeregt von einem Auto zurückgelaufen.

„Okay, Basti, er sagt, dass er uns bis zur nächsten Abfahrt mitnehmen kann, aber ich glaube er zieht sich gerade eine Crackpfeife rein. Was meinst Du? Sollen wir den nehmen?“

Meine Antwort:

„AUF JEDEN FALL!“ Crackpfeife, kein Führerschein, keine Reifen, per Interpol-Haftbefehl gesucht, Serienkiller, mir ganz egal!

Wenn er uns ein Stückchen näher an die französische Grenze bringt, ist er unser Freund!“

Wir nahmen unsere Rucksäcke und tatsächlich brachte unser Fahrer gerade mit einem Feuerzeug eine klare Flüssigkeit auf einem Stück Alufolie zum Sieden und zog den Dampf durch ein kleines Metallröhrchen ein. So genau kenne ich mich mit Drogen nicht aus, aber das sah nicht nach Schnupftabak aus.

Mit Antonio nach Zaragoza

Unser Fahrer war zwar ein Junkie, aber davon abgesehen ein sehr sympathischer und hilfsbereiter Kerl. Er konnte uns nur etwa zwanzig Kilometer mitnehmen, aber nach einer kleinen Wanderung über eine Autobahnbaustelle erreichten wir so einen Rastplatz, an dem definitiv nur noch Autos hielten, die in Richtung Barcelona fuhren. Keine halbe Stunde später saßen wir im Auto mit Antonio, der uns nach Zaragoza mitnahm.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich friedlich schlummerte. Diesmal war ich froh, dass ich kein Spanisch spreche oder zumindest nicht mehr als „Wir trampen gerade von Lissabon nach Köln. Können Sie uns vielleicht mitnehmen?“. So unterhielt sich Thomas mit unserem Fahrer.

Kurze Zeit später folgte die nächste kleinere Katastrophe und die nächsten zwei Begegnungen mit der Polizei…

Für heute soll es aber reichen. Ein paar Geschichten brauche ich schließlich noch für meine nächsten Artikel.

In dieser Nacht habe ich drei wichtige Lektionen gelernt, die mir auch als Unternehmer einige Male weitergeholfen haben:

1. Jeder Babystep ist besser als Stillstand.

Mit einem Junkie bis zur nächsten Ausfahrt fahren klingt erstmal nicht vielversprechend, lieber würden wir direkt bis nach Paris durchfahren. Aber dieser Babystep hat uns aus der Großstadt gebracht und unserer Reise wieder Momentum gegeben.

2. Flexibel sein und nicht an einer Strategie festhalten.

In einer perfekten Welt hätten wir am ersten Rastplatz einen Fahrer gefunden, der uns direkt bis nach Frankreich mitnimmt. In der Realität ist dieser Plan aber nicht aufgegangen und wir mussten spontan eine neue Strategie entwickeln.

3. Ziele setzen und auf den Weg machen.

Wir wussten, dass wir nach Köln wollen. Wie wir dahin kommen, haben wir erst unterwegs herausgefunden. Letztendlich sind wir angekommen.

Wenn Du auch witzige Tramp-Geschichten erlebt hast, schreibe gerne einen Kommentar. Wenn nicht, spar Dir beim nächsten Mal das ICE-Ticket und stelle Dich an den nächsten großen Rastplatz.

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Bilder: Christiaan Triebert

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